Die Entstehung eines Frosches
Hallo zusammen
Ich möchte euch hier eine kleine Geschichte zu lesen geben, welche ich im Buch Faszination Pfeilgiftfrösche, Erfahrungen mit kleinen Pfeilgiftfröschen von Harald Divossen, gelesen habe und mich noch recht hübsch dünkt.
Es war einmal..... - so fangen fast alle Erzählungen an, stimmt's?
Es war einmal ein grünes Bromelienblatt......
Auf diesem Blatt lagen ich und mein Geschwisterchen, das Geschlecht war noch nicht zu erkennen, deshalb auch nicht Brüderchen oder Schwesterchen, sondern Geschwisterchen. Anfangs sah ich nur ein helles Licht. Dumpf drangen die unterschiedlichsten Geräusche durch die mich rundum schützende Gallertmasse. Mit der Zeit zeichneten sich immer deutlichere Umrisse meiner Umwelt draussen ab. Hin und wieder kam etwas "Buntes" herangehüpft und setzte sich auf uns drauf. Dieser Schatten über uns machte uns anfänglich Angst, bis wir bemerkten, dass es unser Vater ist. Er versorgte uns mit ausgeschwitzten Wasser aus seiner Haut, damit wir nicht vertrockneten. Dann eines Tages geschah es. Mein Geschwisterchen und ich drehten gerade unsere Runde, jeder in seiner mittlerweile sehr eng gewordenen ihülle, als plötzlich die Behausung meines Geschwisterchens aufplatzte.
Erschrocken zappelte und schlängelte es sich auf dem Blatt. Ich musste tatenlos mit ansehen. Unser Vater, der alles aus nächster Nähe beobachtet hatte, kam flink herangesprungen. Er wusste bestimmt im Voraus, dass dies bald passieren würde. Ganz nah setzte er sich neben mein Geschwisterchen und es schlängelte sich unter grösster Kraftanstrengung auf seinen Rücken. Danach hüpften sie gemeinsam davon. Ich blieb allein zurück. Traurig drehte ich meine Runde. Herrje! War das langweilig.
Eine Bewegung liess mich erstarren. Es schien mir, als ob es etwas kälter wurde. Vater? Nein, irgendetwas anderes hob mich samt meiner Eihülle von dem Bromelienblatt herunter und deponierte mich in einer weissen Plastikdose. Meine Augen schmerzten es war um mich herum alles so grell. Ich war wirklich erbost, wo war mein schönes Blatt und mein Vater?
Wild drängte ich gegen die Hülle. Ich fühlte mich eingesperrt. Ich wollte nur noch raus aus diesem engen Gefängnis. Flutsch- endlich hatte ich es geschafft. Ich war frei. Aber was sollte ich mit diesem neuen Gefühl anfangen. Kein Vater da, der mir helfen konnte. Da lag ich herum und wusste nicht weiter. Ich hätte heulen können, wenn ich gewusst hätte, wie es geht.
Alles ging verdammt schnell. Ein Wasserschwall riss mich fort. Als ich meine Gedanken wieder einigermassen geordnet hatte, befand ich mich in einem grösseren Behälter. Wieder lag ich herum.
Ein oder waren es vielleicht zwei Tage später verspürte ich ein mir unbekanntes Gefühl in der Bauchgegend. Mein kleiner Dottersack war verschwunden. Wie ich später erfuhr nennt man das Hungergefühl. Also hatte ich Hunger. Zu allem Übel kam dieser grosse Schatten wieder, der Mensch (auch diesen Namen brachte ich später in Erfahrung). Mir blieb aber auch nichts erspart. Mein Wasser wurde auf einaml ganz ekelig grün. Aber es roch verführerisch, also schlürfte ich ein bisschen davon. Das Hungergefühl war verschwunden. Von diesem Zeitpunkt an wurde das Wasser täglich gewechselt, damit das widerliche grüne, aber leckere Zeug nicht zu stinken anfing. Nach einem Tag ist es wirklich ungeniessbar.
In diesem Stadium bekam ich auch meinen ersten Namen. Hier aufgeführt in der bekannten eihenfolge: Ranitomeya imitator- Kaulquappe, nur Kaulquappe oder Larve, oder gar einfach Quappe.
Ich wuchs und wuchs. Die Mahlzeiten wurden immer reichhaltiger und abwechslungsreicher. Einmal hüpfte es vor meinem Mäulchen, ein anderes Mal schwamm etwas vorbei und ich jagte hinterher. Am liebsten war mir Futter, das so verführerisch vor mir hin und her tänzelte und schlängelte.
Ich frass soviel, wie nur in mich hineinging und ich angeboten bekam. Aber manchmal war der Futterbrocken so gross oder auch so fest, dass ich nur annagte. So vergingen die Tage. Eines orgens wurde ich von einem Zwicken in meinem Hinterteil geweckt. Was war das schon wieder? Es wurde immer unerträglicher.
Mit der Zeit verlor sich dieses beidseitige Zwicken und an den Stellen wuchsen mir zwei kleine Hinterbeinchen. Welch ein Spass. Ich konnte mich mit den Beinchen am Boden abstossen und sofort den Turbo im Ruderschwanz einschalten. Und dann kamen sogar vorne noch zwei Beinchen zum Vorschein. Dafür schrumpfte aber mein geliebter Schwanz von Tag zu Tag mehr. Es ging etwas in mir vor, was mir nicht gefiel. Mir verging regelrecht der Appetit.
Ich war den Launen meiner Entwicklungsstadien hilflos ausgeliefert. Was würde als nächstes geschehen? Darauf musste ich nicht lange warten. Nun war mein Mäulchen dran. Es bildete sich zu einen wahren Grussmaul um, ich konnte es genau sehen. Stundenlang sass ich ausserhalb des Wasser zurück wollte ich auch nicht mehr. Ich träumte von einem schönem Zuhause mit viel Grün. Mein Herrchen, ich nannte zwischenzeitlich den menschen so, wusste anscheinend genau, was mir fehlte.
Also- er holte mich aus dem Behälter und setzte mich in einen grossen Behälter, in dem isch schon als Ei herum lag. Nun hatte ich schon wieder einen anderen Namen: frisch verwandelter R. imitator Jungfrosch, puuh - wer sich so was nur ausdenkt. Ich galube Jungfrosch reicht hier vollkommen aus. Ganz witzig fand ich kleiner Froschi. Die Weibchen unter den Menschen nannten mich so.
Am Anfang erschreckte ich mich noch, wenn das Gesicht meines Herrchens an der Scheibe erschien. Ruckzuck war ich im ebüsch verschwunden. Er zeigte aber massig Geduld. Stundenlang hockte er bewegungslos vor dem Behälter und starrte hinein. Ich gewöhnte mich an ihn. Er darf nur nicht blitzschnell auftauchen, dann verstecke ich mich auch heute noch.
Was aber am allerbesten war, ich sah jetzt so schön bunt aus wie mein Vater. Aber wachsen musste ich noch. Was mir bei dem reichhaltigem Futterangebot nicht schwer fiel. eine Leibspeise ist frisch angerichtetes Wiesenplankton. Hmmm - lecker.
Jetzt habe ich mir ein Froschweibchen erkämpft. Als ich sie das erste Mal sah, wusste ich, die gehört mir. Anfangs prügelte ich mich mit anderen Kerlen um sie, das imponierte ihr sehr. Heute sind mir schon länger ein Paar und haben schon zigmal Nachwuchs bekommen. Eine kleine Belohnung für unser Herrchen, weil er sich so gut um uns kümmert. Es ist schön, mitanzusehen, wie er sich über jede Kaulquappe von uns freut.
Mir gefällt es hier sehr gut, denn ich kenne nichts anderes. Ich bin immer satt und gesund. Aber ich habe gehört, dass es noch andere "imitators" gibt. Die leben ganz weit weg von uns und manche Menschen wollen sie unbedingt alle einfangen und sie in solchen Glasbehältern einsperren, nur damit sie sie anschauen können oder aber auch nur aus reiner Geldgier. Wir sind nämlich nicht billig. Das finde ich nicht gut. Also ich jedenfalls möchte nicht ganz weit ausgesetzt werden, allein, ohne meine Lieblingsbromelie.